Können Sie malen?

Jeder Mensch ist kreativ! Mit dieser These überraschte 1950 J.P.GUILFORD, der Vater der modernen Kreativitätsforschung, in einer Rede seine Kollegen.

Wenn ich jemanden frage, ob er meint, kreativ zu sein, bekomme ich oft die spontane Antwort: „Ich kann nicht malen!“ Abgesehen davon, daß ich diese Assoziation sehr interessant finde und sofort an meinen eigenen Kunstunterricht auf dem Lyceum denke, habe ich bis jetzt stets versucht, zu erklären, daß Kreativität sehr viel mehr ist. Es ist sozusagen das Grundprinzip des Universums und allen Lebens.

Nun bin ich auf etwas gestoßen, was belegt, daß nicht nur jeder Mensch auf seine Art kreativ ist, sondern auch seine eigenen Bakterien, die wir nun einmal haben, weil wir sie brauchen. Insofern ist unser Organismus – ebenfalls – kreativ.

In einem Labor an der Columbia University trainiert ein Biologe Bakterien darauf, Krebszellen aufzuspüren. Nebenbei macht er mit Keimen Kunst. Wie? Mit Phantasie und – Nährlösung! Er platziert die Bakterien in eine Schale mit Nährgel, das die Umrisse des Kunstwerkes skizziert. Von der Art und dem Wachstum der Bakterien hängt es ab, wie die Umrisse dann gefüllt werden. Eine Bakterie aus dem Darm zum Beispiel malt als Künstler farbige Wolken.

Wenn eine Darmbakterie malen kann, warum nicht auch ihr Eigentümer? Ich behaupte jetzt einfach mal, ohne es beweisen zu können, daß die Darmbakterie dies kann, weil sie nie Kunstunterricht hatte, sondern malen darf, wie es ihre Art ist. Genau so, wie wir als Vorschulkinder frei gemalt haben. Könnte da etwas dran sein?

Wenn Sie nicht malen wollen, um in Museen ausgestellt zu werden, geben Sie sich eine Chance. Befreien Sie sich von den Vorstellungen wie „gut“, „so muß es sein“, „richtig“. Setzen Sie Ihre Kreativität frei!

Machen Sie folgendes Experiment:

Nehmen Sie sich einen Zeichenblock und eine Farbe Ihrer Wahl aus einem Satz Wachsmalstifte. Malen Sie mit der nicht-dominanten Hand. Also, wenn Sie Rechtshänder sind, mit der linken Hand. Nehmen Sie sich nichts vor!

Dann gehen Sie auf den Beobachterposten, setzen den Stift auf das Papier und lassen die nicht-dominante Hand machen, was und wie Sie will. Lassen Sie sich überraschen!

Manche von Ihnen werden Widerstand erleben. Schalten Sie den Kopf aus. Lieben Sie, was Ihre Hand macht.

Wiederholen Sie diese Übung immer wieder, experimentieren Sie und erleben Sie Ihre Veränderungen.

Wenn Ihre Darmbakterien kreativ sind, warum nicht auch Sie?